Der nachstehende Text entstand im September 2002 in Söderhamn (Schweden), meinem damaligen Wohnort. Er beschreibt Eindrücke meiner Herbstwanderung im nordschwedischen Fjäll, kurz vor Wintereinbruch. Ich verschickte ihn damals an einige Freunde, was die Leseranrede am Anfang erklärt. Als Arbeitstitel wählte ich damals "In eisige Höhen", obwohl ich wusste, dass dieser Titel schon vergeben ist. Spätestens seit der Lektüre von Krakauers erschütterndem Meisterwerk verbietet sich die Verwendung dieses Titels für meine eher humoristische Fingerübung.
Nach erfolgreichem Abschluss der vielerwähnten mysteriösen Hausarbeit war es hohe Zeit, meine seit 2 Jahren vorgehabte und in fieberhaften Tag- und Nachtträumen herbeigesehnte Sarektour in Angriff zu nehmen. Wie ihr wisst, habe ich mein Herz u.a. an die schwedische Bergwelt verloren. Habe in den vergangenen Jahren auch schon mehrere Wandertouren dort oben gemacht und dabei ca. 300 km zurückgelegt, aber immer auf markierten und mit Hütten ausgestatteten Pfaden. Und nachdem ich vor zwei Jahren den Sarek umwandert hatte, jenes als Europas letzte Wildnis geltende Hochgebirgsmassiv im Nordwesten Schwedens, wollte ich endlich auch einmal hinein.
Dass die diesjährige Wanderung nur ein "kurzer" Abstecher von ca. 40 km werden konnte, lag an einer Reihe von Faktoren, die alle mit der späten Jahreszeit zu tun haben:
Das Wetter, das mich auch schon mal im Hochsommer mit Schneestürmen überrascht hat (um mich dann eine halbe Stunde später wieder den blutgierigen Moskitos auszusetzen), ist im Herbst natürlich noch viel rauher. Bewegt man sich dann alleine durch dieses schwierige und kräftezehrende Gelände, hat außerdem ca. 30 kg auf dem Rücken und trotz eisernen Willens nicht unbedingt eine ebensolche Kondition (woher auch - als Schreibtischtäter), dann ist man als Sarek-Anfänger mit 40 km erst mal ganz gut bedient.
Es gibt weitere Faktoren, z.B. sind zu dieser Jahreszeit die Verkehrsanbindungen stark eingeschränkt und nur noch EIN Ausgangs- bzw. Endpunkt per Bus erreichbar, in der Hauptsaison sind es vier, mit Hubschraubertransport sogar sechs.
Am späten Abend des 17. September bestieg ich im 30 km westlich von Söderhamn gelegenen Bollnäs den Nachtzug gen Norden. Nach einer für Nachtzüge üblich üblen Nacht, die ich aus Kostengründen in der Holzklasse verbracht hatte, brach irgendwann auch wieder ein neuer Tag an, völlig unerwartet war es der 18. September, ein Mittwoch. Der Zug fuhr Stunde um Stunde durch die unendlichen Wälder Lapplands, die in herrlichen Herbstfarben leuchteten. In Boden, einer kleineren Stadt am nördlichen Ende des finnischen Meerbusens, wechselte ich den Zug und fuhr auf der Erzbahnlinie weiter Richtung Norden. In Murjek, einer kleinen Station irgendwo in den Wäldern, stieg ich aus und um in den Bus nach Jokkmokk. Noch näher kam die herrliche Natur, der Bus rollte auf schmalen Pisten durch endlose Wälder, vorbei an malerisch schönen Szenerien mit Seen und Flüssen und Bergen. Der Busfahrer, ein junger Kerl, absolvierte die Bändigung des schweren Busses überwiegend einhändig, er schien sämtliche Menschen in diesem Gebiet zu kennen, grüßte fortwährend und nahm den rechten Arm kaum wieder runter. Hatte er einen entgegenkommenden Lastwagenfahrer gegrüßt, machte er schon irgendwo am Waldrand einen Jäger aus, dann wieder ein Beeren pflückendes Mütterchen neben der Straße, dann kam wieder ein Auto entgegen usw. usf. ...und jedesmal fuhr der rechte Arm in die Höhe.
In Jokkmokk, einem gemütlich verträumten kleinen Nest am Polarkreis, stieg ich in der Jugendherberge ab. Ich mag die Atmosphäre in diesem Ort, es geht sehr ruhig zu. Will man sich dort als Einheimischer verkleiden, gibt es kaum eine ernstzunehmende Alternative zu Gummistiefeln, karierten Hemden, ausgeblichenen grünen Hosen mit Beintaschen sowie dazu passender grüner Jacke und abgeschabter Mütze. Gibt es irgendwo auf der Erde Menschen, die Gore-Tex u.ä. wirklich brauchen würden - es wären die Jokkmokker. Aber niemand dort hat derart neumodisches Zeug, vermutlich wird erst in 30 Jahren die erste Gore-Tex-Jacke im Straßenbild von Jokkmokk auftauchen.
Am nächsten Tag, dem 19. September, nahm ich 15.10 Uhr den einzigen Bus nach Kvikkjokk, dem 130 km westlich gelegenen Ende der Straße und Anfangspunkt meiner Wanderung. Wieder ging die Fahrt in einem großen Dreiachserbus über eine wellig schmale Piste, wieder vorbei an großen Seen und herbstlich gefärbten Wäldern. Am späten Nachmittag kam ich in Kvikkjokk an, einer kleinen Siedlung mit 17 Einwohnern, gelegen im Delta zweier Gebirgsflüsse am Fuße des Sarek. Da ich nur noch eine reichliche Stunde Licht zum Wandern gehabt hätte, beschloss ich, das Bergfieber noch etwas zu bezwingen und erst am nächsten Tag aufzubrechen. Die Nacht verbrachte ich in einer für billig Geld gemieteten Holzhütte.
Der nächste Tag war der 20. September - und ich brach gegen Mittag auf. Alles bis jetzt war ja gewissermaßen nur Vorgeplänkel gewesen, jetzt ging es endlich richtig los. Aber paradoxerweise komme ich ausgerechnet hier rapporttechnisch in eine merkwürdige Klemme. Was soll ich jetzt schreiben? Ich beginne meine Wanderung - und bin doch schon am Ziel, denn der Weg IST das Ziel. Wie schildert man eine Wanderung, ohne den geneigten Leser, die geneigte Leserin mit botanischen, geolologischen, meteorologischen u.ä. Details zu langweilen? Bei Karl May brechen wenigstens noch alle 14 Minuten irgendwelche heulenden Komanschen aus dem Dickicht - nicht so bei mir...
Nun, ich will's versuchen.
Ich wanderte Stunde um Stunde auf schmalen und sehr steinigen Pfaden durch diese Bergwälder, um mich herum herbstliche Farben...das Gelb der Birken zwischen dem Grün der Nadelbäume, das leuchtende Rot von Preiselbeergesträuch am Boden. Herbstgerüche in der Luft...das würzige Aroma vermodernden Laubes in der kalten klaren Luft. Und tiefe Stille. Die Natur scheint nun zur Ruhe zu kommen nach den immer hellen und von Leben erfüllten Sommermonaten. Nur selten der einzelne Ruf eines Vogels oder das Geräusch eines Birkhuhnes im Unterholz.
Bisweilen kreuzt der Pfad einen schmalen Bach, dann schirre ich den Rucksack ab, beuge mich hinunter und schöpfe das klare Wasser mit der kleinen grünen Falttasse, die auf all meinen Wanderungen ihren festen Platz in der linken Beintasche hat. Fast brennt es im Hals, so kalt ist das Wasser.
Die Tage sind kurz zu dieser Jahreszeit, und spätestens zu Beginn der siebenten Stunde sollte man einen Lagerplatz gefunden haben. Ich schlage mein Zelt am Westufer eines kleinen Sees auf, mitten in der Wildnis. Das einzige Geräusch ist das eines kleinen Baches, der in den See plätschert. Es wird schnell dunkel. Die Temperatur fällt auf 0 Grad, aber weil die Luft trocken ist und sich nicht bewegt, geht das gut auszuhalten. Ich krieche ins Zelt, eine Kerze verbreitet gemütliches Licht, während ich die Eindrücke des Tages in ein kleines Heft schreibe, welches seinen festen Platz in der rechten Beintasche meiner Wanderhose hat bzw. dort "wohnt", wie die Schweden sagen würden.
Ein Gefühl tiefen Friedens umfängt mich, als ich in meinem Schlafsack liege, satt und warm, um mich herum...Natur...und Stille. Es ist schön hier.
Sonnabend, der 21. September, ist ein Regentag. Ich kann das Zelt nicht verlassen, es regnet ohne Unterlass. Für Abwechslung sorgen allenfalls die unterschiedlichen Regenarten:
Eisregen, der auf den Zeltplanen und allen Oberflächen gefriert. Ich liege im Schlafsack und kann von unten beobachten, wie die schweren Tropfen zerplatzen und sofort zu Eis werden.
Schneeregen, weiße Flocken wirbeln vorm Zelt.
Und ganz ordinär grauer Regen.
Es ist nichts weiter zu tun, als ruhig im Schlafsack liegen zu bleiben, Wärme zu behalten und abzuwarten. Bin ganz gut mit Schokolade eingedeckt, ab und zu findet ein kleines Stück den Weg durch des harrenden Georgs Schlund. Das Trommeln der Regentropfen auf dem Zelt ist ein einschläferndes Geräusch. Manchmal wird es schwächer und es kommen nur noch die großen Tropfen von den Bäumen, dann schiebt sich schon die nächste dunkelgraue Wolke tief über den See und es beginnt von neuem. Gegen 13 Uhr verstummen alle trommelnden Tropfgeräusche, die feinen und die schweren - ein Regenloch. Ich krieche aus dem Zelt, strecke die Glieder, habe gerade ausreichend Zeit, um das Waldklo aufzusuchen, eine Steinplatte über die Bescherung zu wälzen, den Kocher (aus unerfindlichen Gründen kann ich mich stundenlang selbst damit unterhalten, immer wieder "Goschschä!" vor mich hinzumurmeln, womit also jenes Kochgerät gemeint ist) anzuwerfen und einen Topf Kaffee zu brauen. Dann fängt es wieder an zu regnen und ich verziehe mich samt Kaffee ins Zelt. Mein kleines Knopfzellenradio, welches zum Endverbraucherpreis von DM 9,95 liebevoll von chinesischen Strafgefangenen ??? zusammengepfriemelt wurde, kann ich im Zelt leider nicht betreiben, weil der See hinter einigen Höhenzügen und damit in einem Funkloch liegt. Also trinke ich Kaffee, esse Schokolade...und fotografiere, was man so in einem Zweimannzelt vor die Linse bekommt.
Gegen 15 Uhr lässt der Regen wieder nach, hört schließlich ganz auf. Ich stehe vorm Zelt, äuge gen Himmel. Es klart plötzlich auf, die tiefen grauen Wolken weichen hohen weißen, dann - oh spektakuläres Ereignis! - ist sogar etwas blauer Himmel zu sehen. Von diesem immer mehr, dann sogar die Sonne. Aufbruch?
Nein. Vom Zustand der völligen Zerstreuung aller Ausrüstungsgegenstände am Lagerplatz bis zum sorgfältig gepackten und abmarschfertig dastehenden Rucksack vergeht inklusive Zeltabbau locker eine Stunde, wäre also 16 Uhr, verblieben gerade mal 2 Stunden zum Laufen. Außerdem ist das Zelt klatschnass und steifgefroren - und es in diesem suppigen Zustand nachher wieder aufzubauen und sich reinzulegen, ist wahrlich kein Vergnügen.
Stattdessen mache ich einen Erkundungsgang durch die Umgegend, fotografiere und werfe mein Radio auf einem höher gelegenen Geländepunkt an, um den Wetterbericht und vielleicht sogar den Übernachrichtenblick einzufangen. 3 Sender kommen rein, aber keine Wettervorhersage, nur eine Beschreibung der gegenwärtigen Lage, die aber hinten und vorne nicht stimmt, weil's viel kälter ist. Schon jetzt, am Abend, sind's -5 Grad.
Der klare Himmel lässt mich hoffen, heute nacht vielleicht das Polarlicht zu sehen. Nach dem frugalen Abendmahl koche ich noch einen steifen Kaffee, der mich auf meiner dann folgenden stundenlangen Polarlichtwache wach und warm hält.
Aber es kommt kein Polarlicht in dieser Nacht. Stattdessen ein anderes Schauspiel. Gegen 20 Uhr stehe ich nochmal mit meinem Radio auf einem Felsbuckel in der Nähe des Zeltes, es ist stockfinster. Und während ich die Antenne in alle Richtungen schwenke und konzentriert nach irgendwelchen Signalen suche, taucht plötzlich -wirklich plötzlich! - ein heller Lichtschein am Rande meines Gesichtsfeldes auf. Ich drehe mich um...und sehe, wie der Vollmond genau im Osten aufgeht. Groß und strahlend geht er über den Bergen des östlichen Seeufers auf, steigt in den schwarzen Nachthimmel. Es ist ein gigantischer und unbeschreiblich schöner Anblick, der mich ergreift, als hätte ich noch nie den Mond gesehen. Ich verlasse den Felsbuckel und stolpere zurück zum Zelt, um meine Kamera zu holen und wenigstens zu versuchen, diesen Augenblick festzuhalten. Er ist so hell, der Mond! Man kann fast nicht hinschauen, ohne geblendet zu werden. Über das spiegelblank schwarze Wasser des Sees läuft ein glitzernder Lichtstreifen genau zu mir. Wenn ich mich umdrehe, sehe ich meinen langen Schatten und den milden und doch kraftvollen Schein des Mondes über der Landschaft, in den Bäumen, auf dem Zelt.
Noch lange stehe ich dort in der Nacht, am Ufer des Sees.
In der elften Stunde kriecht schließlich die Kälte durch und ich begebe mich zur Nachtruhe.
Sonntag, der 22. September, beginnt mit einem traumhaft schönen Morgen. Als ich das Zelt knackend und knisternd aufbiege und ins Freie krieche, ist der Himmel klar blau und ohne eine einzige Wolke. Es sind 5 Grad unter Null, überall ist Reif, die Zeltplanen sind von bizzaren Eiskristallmustern überzogen. Leichte Nebelschleier schweben über dem See. Nachdem ich eine Stange Wasser weggestellt und mich warm angezogen habe, hole ich die Kamera aus dem Zelt und beginne zu fotografieren. Nur widerwillig rappelt sich das kleine Maschinchen auf, die Kälte setzt der Batterie hart zu. Aber ich hoffe inständig, dass alles funktioniert und der Verschluss nicht eingefroren ist, denn ich bin umgeben von reizvollen Motiven und weiß kaum, womit ich beginnen soll.
Dann geht die Sonne über den Bergen am östlichen Seeufer auf - und die ganze Szenerie wird noch großartiger. Diese leichten Nebelschleier im harten Gegenlicht über dem kleinen See, eingerahmt von den Herbstwäldern am Ufer...was für ein Bild!!!
In Nahaufnahme: tiefrote Blätter, von Reif überzogen, funkelnd in der Morgensonne.
Das Frühstück unterbreche ich, um schnell auf einen höhergelegenen Geländepunkt zu steigen und den Wetterbericht einzupeilen. Jubel! Hoch über Nordskandinavien! Kalt, aber trocken. Also weiter zu den Bergen, die in weißer Erhabenheit in einigen Kilometern Entfernung zu sehen sind.
In den Nachrichten kommt an diesem strahlenden Morgen eine Meldung, die wie eine bittere Bestätigung meines fortwährenden Lamentierens und Redens über die wahren Risiken in der Wildnis klingt: Während es in den letzten 100 Jahren nur zwei-drei tragische Unfälle mit "wilden" Tieren gab, hat es mal wieder einen tödlichen Jagdunfall gegeben, ein Beerenpflücker wurde von einem 80jährigen (!!!) Elchjäger versehentlich erschossen. Und dieser Unfall ist keine Ausnahme.
Diese Tölpel, diese Sonntagsjäger! Kriegen das ganze Jahr den Arsch nicht vom Sofa, versuchen die Öffentlichkeit dumm zu schwatzen mit idiotischem Gerede über blutrünstige Wölfe und Bären...und zur Jagdzeit fallen sie in die Wälder ein und ballern auf alles, was nicht unbedingt wie ein Scheunentor aussieht. Und überhaupt: Was zur HÖLLE hat ein 80jähriger mit einer Mumpelspritze im Wald verloren? Alle Bären Schwedens zusammengenommen sind nicht ansatzweise so gefährlich wie dieser bewaffnete Greis. Nun ja. Sela.
Ich packe, breche in der 12. Stunde auf, wandere weiter in die Wildnis hinein, lasse den See hinter mir, steige höher, der Pfad schlängelt sich durch urwaldartige Nadelwälder, oberhalb dieser Wälder geht's dann durch die Birkenwaldzone, wo ich auch die Nationalparkgrenze passiere. Merke, dass ich Probleme mit dem linken Knie habe, Überlastung, irgendein Band. Die 30 kg und das stundenlange Balancieren über Steine zeigen ihre Folgen. Ganz große Scheiße. Versuche, es zu ignorieren, schwanke zwischen Umkehren und Fortsetzen. Im Schwanken und Überlegen gehe ich vorwärts, komme hinaus auf die Pårek-Hochebene, die Landschaft ist grandios schön, vor mir liegen die weißen Berge des Sarek, links das Tarrekaisemassiv, das ich vor zwei Jahren von der anderen Seite gesehen hatte. Wenn nur diese Kniesache nicht wäre! Aber einfach so umkehren, auf freier Strecke? Nee, irgendwie geht das nicht. Gehe langsam weiter, bloß nicht humpeln - in die Wildnis hineinhumpeln ist unwürdig und idiotisch. Komme gegen 16 Uhr an einer natürlichen Barriere an, die ich gut als "ehrenhaften Wendepunkt" akzeptieren kann: Pårekjaure, ein kleiner See unmittelbar am Fuße des Pårekmassivs. An der Watstelle seines Zuflusses schlage ich mein Zelt auf, es ist kalt hier oben und offen, ein plötzlich aufspringender Wind hätte volle Angriffsfläche. Ich opfere eines meiner beiden Handtücher, um den Zeltboden innen halbwegs trockenzuwischen. Der Himmel ist blau, trotzdem ziehen drüben vorm Tarrekaisemassiv Schneeschleier vorbei, das gefällt mir überhaupt nicht! Sie scheinen durch die Täler von Westen zu kommen. Kaum ist die Sonne weg, sind's nur noch -5 Grad, alles friert und wird knochenhart. Die Temperatur sinkt weiter, als ich das letzte Mal vor der Nachtruhe auf's Thermometer sehe, sind es schon -7 Grad. Und es wird noch kälter werden. Naja, vielleicht sehe ich heute und hier oben das Polarlicht...
Es ist noch dunkel, als ich in den frühen Morgenstunden des 23. September immer wieder frierend aufwache. Alles im Zelt ist klamm, feucht, steifgefroren. Das Problem tiefer Temperaturen sind nicht die Temperaturen selbst, sondern das Kondenswasser. Mit jedem Atemzug wird Feuchtigkeit im Zelt verteilt, die sich sofort niederschlägt. Je tiefer die Temperatur, desto näher an der Nase. Folge: Der Schlafsack wird nass, richtig nass und pappig...und verliert drastisch an Isolationsvermögen.
Weil ich neugierig bin auf's Polarlicht, entschließe ich mich nach reiflicher Überlegung schließlich doch, den Schlafsack zu lupfen, zum Eingang zu kriechen, den Kopf ins Freie zu halten und gen Himmel zu äugen. Kein Polarlicht, nur der Vollmond und die Sterne...und diese Eiseskälte. Im Hineinkriechen nestle ich mit klammen Fingern das Thermometer vom Zeltgiebel, es zeigt -10 Grad! Ich packe mich wieder ein, so gut es eben geht, finde jedoch keinen Schlaf mehr, es ist einfach zu kalt und ich friere. Da kann ich ja auch aufstehen und im Stehen weiterfrieren und bissel herumlaufen und Kaffee kochen. Gedacht - getan. Nach obligatorischer Wasserstangenwegstellung hole ich trotzdem erst mal die Kamera hervor, die diesmal noch mürrischer anspringt, und mache einige Aufnahmen von diesem Morgen. Dann werfe ich den Kocher an und braue Kaffee, nichts sonst ist zu tun, zum Essen ist es noch zu zeitig und zu kalt, Brot und Käse haben ja auch ihre -10 Grad. Besser, zu warten bis sie etwas wärmer geworden sind, sagen wir mal...-7 Grad...oder sogar -5 Grad.
Nachdem ich mir die Ladung Kaffee eingeholfen habe, ist erstmal nichts weiter zu tun, als irgendwie in Bewegung und "am Leben" zu bleiben. Zum Glück habe ich auch dieses Mal meinen Luftbass dabei, ein herrliches Instrument, mit dem ich heftige Rhythmen und harte Riffs hinlege...dort, am Fuße des Pårekmassivs, in aller Herrgottsfrühe und bei -10 Grad. Kein Zuhörer im Umkreis von 20 km, aber naja, wahre Kunst ist sich selbst genug und bedarf keiner äußeren Würdigung.
Begebe mich dann, nachdem ich genug in die Saiten gegriffen habe, auf einen erhöhten Geländepunkt, um dort den Wetterbericht einzupeilen, ohne Erfolg. Wieder am Lagerplatz esse ich halb im Stehen, halb im Herumlaufen paar Brote...und beobachtete sorgenvoll die Wolken, die von Norden und Westen über die Berge kommen. Ich versuche nochmal, das Wetter im Radio reinzukriegen, gleich an Ort und Stelle. Diesmal habe ich Empfang, sie melden starken Wind und Regen auf dem Kahlfjäll, also just HIER! Scheiße, nichts wie weg, das muss ich echt nicht haben. In aller Hast und Eile packe und stopfe ich, baue das Zelt ab und biege die steifgefrorenen Planen zusammen. Dann schirre ich mir den Rucksack auf, greife den Wanderstab und trete Dreiviertelacht den Rückmarsch an, Ziel: Kvikkjokk, also keine weitere Zeltübernachtung. Zu meiner Freude funktioniert mein linkes Knie, d.h. es wird nicht schlechter, auch fängt es nicht an zu regnen, sondern zieht sich erstmal nur zu. Kämpfe mich Stunde um Stunde vorwärts, keuchend und schwitzend unter den 30 kg, ab und zu eine kurze Rast einlegend. Im Birkenwaldgürtel treffe ich Menschen!!! Sie kommen mir entgegen, gehen bergauf, dem Sarek entgegen. Vorneweg das Weibchen, hinterher das Männchen. Ich mache ihnen den Weg frei, bekomme auf mein "Hej!" aber kaum eine Antwort, nur das Männchen knurrt im Vorbeigehen ein steifes "Good Morning." So können sich echt nur Deutsche benehmen, Good Morning und alles, keine 2 Minuten Zeit zu einem Schnack, mit verbissenem Panzerabwehrgesicht durch die Pampa. Sorry für Nestbeschmutzung und so, aber das macht wirklich NIEMAND sonst. In der Wildnis fragt man sich zu dieser Jahreszeit immer nach dem Woher und Wohin, vor allem fragt der Bergaufgehende den Bergabkommenden nach den Verhältnissen weiter oben. Mache mir bissel Gedanken wegen der Wettermeldungen, aber naja, ich drängele mich nicht auf.
Als ich den See passiere, an dem ich zwei Nächte gelagert hatte, treffe ich noch zwei Wanderer, die mir entgegenkommen, sehen aus wie Vater und Sohn, beide auch mit einer Riesenpackung auf dem Rücken, aber ohne eine Schweißperle im Gesicht. Wir machen einen kurzen Schnack, sie sind auf dem Weg zu einer ausgewachsenen Sarektour, beides keine heurigen Hasen. Sie fragen mich nach der Pårtejaure-Watstelle und der Schneegrenze, ich erwähne die Wettermeldung, wir palavern noch etwas über Schlafsäcke und Kondenswasser etc., dann ziehen sie mit meinen guten Wünschen weiter bergauf.
Am Nachmittag komme ich in Kvikkjokk an, bin wieder in der Zivilisation. Weil der einzige Bus von Kvikkjokk um 5.30 Uhr geht, nehme ich noch einmal eine Hütte.
Gegen 4 Uhr, am 24. September, klingelt mich der von der Wirtin geborgte Wecker hoch, ich hänge mir die am wenigsten verdreckten Klamotten auf den Leib und gehe zum Bushalteplatz. Außer mir fahren nur noch 2 Dänen mit, die auf einer längeren Sarektour waren. Wir schwatzen auf der 130 km-Reise nach Jokkmokk, sie waren u.a. im Haupttal des Sarek, im Rapadalen und haben dort Elche auf 15 m Abstand gesehen, eine Bärin mit 3 Jungen auf 600 m Abstand.
In Jokkmokk habe ich etwas Aufenthalt, besteige dann am Nachmittag den Bus nach Murjek. In Murjek ist total der Hund begraben, kein offener Laden weit und breit. Also werfe ich in gehörigem Abstand zum hölzernen Stationsgebäude meinen fauchenden Benzinkocher auf dem Bahnsteig an und und koche Nudeln. Setze mich auf eine Bank und esse. Es ist ruhig hier, nichts passiert. Ab und zu dröhnt ein schwerer Erzzug vorbei. Irgendwo sägt jemand Holz mit einer Kettensäge. In der Ferne arbeitet ein Radlader.
Im Stationsgebäude sind die Postfächer für alle Einwohner der Gegend untergebracht, gegen 15 Uhr werden die Fächer befüllt und ein kleiner Kiosk geöffnet. Früher oder später kommen also ALLE zur Station, um ihre Post zu holen, was mir interessante Milieustudien ermöglicht. Die Kleiderordnung entspricht durchweg jener, die ich im Zusammenhang mit Jokkmokk beschrieben habe. Schuhe? Windjacke? Völlige Fehlanzeige. 99% der Männer und Frauen sind gestiefelt und mit Waldhosen / -jacken ausgestattet.
Der Kioskbetreiber hängt die Schlagzeilen der beiden Skandalblätter aus. Während von dem einen Plakat irgendein TV-Sternchen mit Augenlidern auf Halbmast für eine Schlankheitskur wirbt, brüllt das andere Plakat in riesigen schwarzen Buchstaben: VIAGRA FÜR FRAUEN / 1,3 MILLIONEN SCHWEDINNEN KÖNNEN JETZT ORGASMUS BEKOMMEN
Fantastisch. Eine bessere Ausgangslage für Milieustudien kann man sich nicht erträumen. Diese Schlagzeile, dieser Auswuchs einer überreizt-grellbunt-schrillen Großstadtpresse, wirkt hier an diesem verträumten Platz in den tiefen Wäldern so fehlplatziert wie Gummistiefel und Jagdhose in der Staatsoper.
Alle Postholer müssen dieses Plakat zur Kenntnis nehmen, es hängt direkt am Eingang der Station.
Ein alter Mann in abgeschabten Waldkleidern steigt aus seinem rostigen Volvo, schlurft zum Eingang. Liest im Vorbeigehen. Bleibt stehen. Liest gebannt. Reißt sich los, tut so als habe er nur die Schrauben in der Wand gezählt, schlurft weiter zu seinem Postfach.
Frauen unterschiedlichen Alters passieren das Plakat, einige bleiben beim Lesen stehen, gehen dann betont uninteressiert weiter, andere werfen nur einen flüchtigen Blick darauf.
Ein kleiner Klatschkreis bildet sich, drei Frauen mittleren Alters stehen vorm Eingang, im Vorbeischlendern höre ich, dass es auch um das Plakat geht. Eine meint, dass man ja wohl andere Sorgen habe, hahaha. Keine widerspricht ihr, die beiden anderen stimmen nickend zu, hahaha. Sie schicken meinende Blicke in meine Richtung. Ich studiere das Wetter.
Es wird eine lange Fahrt im Nachtzug, die Stunden kriechen dahin. Der Bus, der mich von Bollnäs ins 30 km östlich gelegene Söderhamn bringt, fährt genau in den Sonnenaufgang hinein.
Dass die diesjährige Wanderung nur ein "kurzer" Abstecher von ca. 40 km werden konnte, lag an einer Reihe von Faktoren, die alle mit der späten Jahreszeit zu tun haben:
Das Wetter, das mich auch schon mal im Hochsommer mit Schneestürmen überrascht hat (um mich dann eine halbe Stunde später wieder den blutgierigen Moskitos auszusetzen), ist im Herbst natürlich noch viel rauher. Bewegt man sich dann alleine durch dieses schwierige und kräftezehrende Gelände, hat außerdem ca. 30 kg auf dem Rücken und trotz eisernen Willens nicht unbedingt eine ebensolche Kondition (woher auch - als Schreibtischtäter), dann ist man als Sarek-Anfänger mit 40 km erst mal ganz gut bedient.
Es gibt weitere Faktoren, z.B. sind zu dieser Jahreszeit die Verkehrsanbindungen stark eingeschränkt und nur noch EIN Ausgangs- bzw. Endpunkt per Bus erreichbar, in der Hauptsaison sind es vier, mit Hubschraubertransport sogar sechs.
Am späten Abend des 17. September bestieg ich im 30 km westlich von Söderhamn gelegenen Bollnäs den Nachtzug gen Norden. Nach einer für Nachtzüge üblich üblen Nacht, die ich aus Kostengründen in der Holzklasse verbracht hatte, brach irgendwann auch wieder ein neuer Tag an, völlig unerwartet war es der 18. September, ein Mittwoch. Der Zug fuhr Stunde um Stunde durch die unendlichen Wälder Lapplands, die in herrlichen Herbstfarben leuchteten. In Boden, einer kleineren Stadt am nördlichen Ende des finnischen Meerbusens, wechselte ich den Zug und fuhr auf der Erzbahnlinie weiter Richtung Norden. In Murjek, einer kleinen Station irgendwo in den Wäldern, stieg ich aus und um in den Bus nach Jokkmokk. Noch näher kam die herrliche Natur, der Bus rollte auf schmalen Pisten durch endlose Wälder, vorbei an malerisch schönen Szenerien mit Seen und Flüssen und Bergen. Der Busfahrer, ein junger Kerl, absolvierte die Bändigung des schweren Busses überwiegend einhändig, er schien sämtliche Menschen in diesem Gebiet zu kennen, grüßte fortwährend und nahm den rechten Arm kaum wieder runter. Hatte er einen entgegenkommenden Lastwagenfahrer gegrüßt, machte er schon irgendwo am Waldrand einen Jäger aus, dann wieder ein Beeren pflückendes Mütterchen neben der Straße, dann kam wieder ein Auto entgegen usw. usf. ...und jedesmal fuhr der rechte Arm in die Höhe.
In Jokkmokk, einem gemütlich verträumten kleinen Nest am Polarkreis, stieg ich in der Jugendherberge ab. Ich mag die Atmosphäre in diesem Ort, es geht sehr ruhig zu. Will man sich dort als Einheimischer verkleiden, gibt es kaum eine ernstzunehmende Alternative zu Gummistiefeln, karierten Hemden, ausgeblichenen grünen Hosen mit Beintaschen sowie dazu passender grüner Jacke und abgeschabter Mütze. Gibt es irgendwo auf der Erde Menschen, die Gore-Tex u.ä. wirklich brauchen würden - es wären die Jokkmokker. Aber niemand dort hat derart neumodisches Zeug, vermutlich wird erst in 30 Jahren die erste Gore-Tex-Jacke im Straßenbild von Jokkmokk auftauchen.
Am nächsten Tag, dem 19. September, nahm ich 15.10 Uhr den einzigen Bus nach Kvikkjokk, dem 130 km westlich gelegenen Ende der Straße und Anfangspunkt meiner Wanderung. Wieder ging die Fahrt in einem großen Dreiachserbus über eine wellig schmale Piste, wieder vorbei an großen Seen und herbstlich gefärbten Wäldern. Am späten Nachmittag kam ich in Kvikkjokk an, einer kleinen Siedlung mit 17 Einwohnern, gelegen im Delta zweier Gebirgsflüsse am Fuße des Sarek. Da ich nur noch eine reichliche Stunde Licht zum Wandern gehabt hätte, beschloss ich, das Bergfieber noch etwas zu bezwingen und erst am nächsten Tag aufzubrechen. Die Nacht verbrachte ich in einer für billig Geld gemieteten Holzhütte.
Der nächste Tag war der 20. September - und ich brach gegen Mittag auf. Alles bis jetzt war ja gewissermaßen nur Vorgeplänkel gewesen, jetzt ging es endlich richtig los. Aber paradoxerweise komme ich ausgerechnet hier rapporttechnisch in eine merkwürdige Klemme. Was soll ich jetzt schreiben? Ich beginne meine Wanderung - und bin doch schon am Ziel, denn der Weg IST das Ziel. Wie schildert man eine Wanderung, ohne den geneigten Leser, die geneigte Leserin mit botanischen, geolologischen, meteorologischen u.ä. Details zu langweilen? Bei Karl May brechen wenigstens noch alle 14 Minuten irgendwelche heulenden Komanschen aus dem Dickicht - nicht so bei mir...
Nun, ich will's versuchen.
Ich wanderte Stunde um Stunde auf schmalen und sehr steinigen Pfaden durch diese Bergwälder, um mich herum herbstliche Farben...das Gelb der Birken zwischen dem Grün der Nadelbäume, das leuchtende Rot von Preiselbeergesträuch am Boden. Herbstgerüche in der Luft...das würzige Aroma vermodernden Laubes in der kalten klaren Luft. Und tiefe Stille. Die Natur scheint nun zur Ruhe zu kommen nach den immer hellen und von Leben erfüllten Sommermonaten. Nur selten der einzelne Ruf eines Vogels oder das Geräusch eines Birkhuhnes im Unterholz.
Bisweilen kreuzt der Pfad einen schmalen Bach, dann schirre ich den Rucksack ab, beuge mich hinunter und schöpfe das klare Wasser mit der kleinen grünen Falttasse, die auf all meinen Wanderungen ihren festen Platz in der linken Beintasche hat. Fast brennt es im Hals, so kalt ist das Wasser.
Die Tage sind kurz zu dieser Jahreszeit, und spätestens zu Beginn der siebenten Stunde sollte man einen Lagerplatz gefunden haben. Ich schlage mein Zelt am Westufer eines kleinen Sees auf, mitten in der Wildnis. Das einzige Geräusch ist das eines kleinen Baches, der in den See plätschert. Es wird schnell dunkel. Die Temperatur fällt auf 0 Grad, aber weil die Luft trocken ist und sich nicht bewegt, geht das gut auszuhalten. Ich krieche ins Zelt, eine Kerze verbreitet gemütliches Licht, während ich die Eindrücke des Tages in ein kleines Heft schreibe, welches seinen festen Platz in der rechten Beintasche meiner Wanderhose hat bzw. dort "wohnt", wie die Schweden sagen würden.
Ein Gefühl tiefen Friedens umfängt mich, als ich in meinem Schlafsack liege, satt und warm, um mich herum...Natur...und Stille. Es ist schön hier.
Sonnabend, der 21. September, ist ein Regentag. Ich kann das Zelt nicht verlassen, es regnet ohne Unterlass. Für Abwechslung sorgen allenfalls die unterschiedlichen Regenarten:
Eisregen, der auf den Zeltplanen und allen Oberflächen gefriert. Ich liege im Schlafsack und kann von unten beobachten, wie die schweren Tropfen zerplatzen und sofort zu Eis werden.
Schneeregen, weiße Flocken wirbeln vorm Zelt.
Und ganz ordinär grauer Regen.
Es ist nichts weiter zu tun, als ruhig im Schlafsack liegen zu bleiben, Wärme zu behalten und abzuwarten. Bin ganz gut mit Schokolade eingedeckt, ab und zu findet ein kleines Stück den Weg durch des harrenden Georgs Schlund. Das Trommeln der Regentropfen auf dem Zelt ist ein einschläferndes Geräusch. Manchmal wird es schwächer und es kommen nur noch die großen Tropfen von den Bäumen, dann schiebt sich schon die nächste dunkelgraue Wolke tief über den See und es beginnt von neuem. Gegen 13 Uhr verstummen alle trommelnden Tropfgeräusche, die feinen und die schweren - ein Regenloch. Ich krieche aus dem Zelt, strecke die Glieder, habe gerade ausreichend Zeit, um das Waldklo aufzusuchen, eine Steinplatte über die Bescherung zu wälzen, den Kocher (aus unerfindlichen Gründen kann ich mich stundenlang selbst damit unterhalten, immer wieder "Goschschä!" vor mich hinzumurmeln, womit also jenes Kochgerät gemeint ist) anzuwerfen und einen Topf Kaffee zu brauen. Dann fängt es wieder an zu regnen und ich verziehe mich samt Kaffee ins Zelt. Mein kleines Knopfzellenradio, welches zum Endverbraucherpreis von DM 9,95 liebevoll von chinesischen Strafgefangenen ??? zusammengepfriemelt wurde, kann ich im Zelt leider nicht betreiben, weil der See hinter einigen Höhenzügen und damit in einem Funkloch liegt. Also trinke ich Kaffee, esse Schokolade...und fotografiere, was man so in einem Zweimannzelt vor die Linse bekommt.
Gegen 15 Uhr lässt der Regen wieder nach, hört schließlich ganz auf. Ich stehe vorm Zelt, äuge gen Himmel. Es klart plötzlich auf, die tiefen grauen Wolken weichen hohen weißen, dann - oh spektakuläres Ereignis! - ist sogar etwas blauer Himmel zu sehen. Von diesem immer mehr, dann sogar die Sonne. Aufbruch?
Nein. Vom Zustand der völligen Zerstreuung aller Ausrüstungsgegenstände am Lagerplatz bis zum sorgfältig gepackten und abmarschfertig dastehenden Rucksack vergeht inklusive Zeltabbau locker eine Stunde, wäre also 16 Uhr, verblieben gerade mal 2 Stunden zum Laufen. Außerdem ist das Zelt klatschnass und steifgefroren - und es in diesem suppigen Zustand nachher wieder aufzubauen und sich reinzulegen, ist wahrlich kein Vergnügen.
Stattdessen mache ich einen Erkundungsgang durch die Umgegend, fotografiere und werfe mein Radio auf einem höher gelegenen Geländepunkt an, um den Wetterbericht und vielleicht sogar den Übernachrichtenblick einzufangen. 3 Sender kommen rein, aber keine Wettervorhersage, nur eine Beschreibung der gegenwärtigen Lage, die aber hinten und vorne nicht stimmt, weil's viel kälter ist. Schon jetzt, am Abend, sind's -5 Grad.
Der klare Himmel lässt mich hoffen, heute nacht vielleicht das Polarlicht zu sehen. Nach dem frugalen Abendmahl koche ich noch einen steifen Kaffee, der mich auf meiner dann folgenden stundenlangen Polarlichtwache wach und warm hält.
Aber es kommt kein Polarlicht in dieser Nacht. Stattdessen ein anderes Schauspiel. Gegen 20 Uhr stehe ich nochmal mit meinem Radio auf einem Felsbuckel in der Nähe des Zeltes, es ist stockfinster. Und während ich die Antenne in alle Richtungen schwenke und konzentriert nach irgendwelchen Signalen suche, taucht plötzlich -wirklich plötzlich! - ein heller Lichtschein am Rande meines Gesichtsfeldes auf. Ich drehe mich um...und sehe, wie der Vollmond genau im Osten aufgeht. Groß und strahlend geht er über den Bergen des östlichen Seeufers auf, steigt in den schwarzen Nachthimmel. Es ist ein gigantischer und unbeschreiblich schöner Anblick, der mich ergreift, als hätte ich noch nie den Mond gesehen. Ich verlasse den Felsbuckel und stolpere zurück zum Zelt, um meine Kamera zu holen und wenigstens zu versuchen, diesen Augenblick festzuhalten. Er ist so hell, der Mond! Man kann fast nicht hinschauen, ohne geblendet zu werden. Über das spiegelblank schwarze Wasser des Sees läuft ein glitzernder Lichtstreifen genau zu mir. Wenn ich mich umdrehe, sehe ich meinen langen Schatten und den milden und doch kraftvollen Schein des Mondes über der Landschaft, in den Bäumen, auf dem Zelt.
Noch lange stehe ich dort in der Nacht, am Ufer des Sees.
In der elften Stunde kriecht schließlich die Kälte durch und ich begebe mich zur Nachtruhe.
Sonntag, der 22. September, beginnt mit einem traumhaft schönen Morgen. Als ich das Zelt knackend und knisternd aufbiege und ins Freie krieche, ist der Himmel klar blau und ohne eine einzige Wolke. Es sind 5 Grad unter Null, überall ist Reif, die Zeltplanen sind von bizzaren Eiskristallmustern überzogen. Leichte Nebelschleier schweben über dem See. Nachdem ich eine Stange Wasser weggestellt und mich warm angezogen habe, hole ich die Kamera aus dem Zelt und beginne zu fotografieren. Nur widerwillig rappelt sich das kleine Maschinchen auf, die Kälte setzt der Batterie hart zu. Aber ich hoffe inständig, dass alles funktioniert und der Verschluss nicht eingefroren ist, denn ich bin umgeben von reizvollen Motiven und weiß kaum, womit ich beginnen soll.
Dann geht die Sonne über den Bergen am östlichen Seeufer auf - und die ganze Szenerie wird noch großartiger. Diese leichten Nebelschleier im harten Gegenlicht über dem kleinen See, eingerahmt von den Herbstwäldern am Ufer...was für ein Bild!!!
In Nahaufnahme: tiefrote Blätter, von Reif überzogen, funkelnd in der Morgensonne.
Das Frühstück unterbreche ich, um schnell auf einen höhergelegenen Geländepunkt zu steigen und den Wetterbericht einzupeilen. Jubel! Hoch über Nordskandinavien! Kalt, aber trocken. Also weiter zu den Bergen, die in weißer Erhabenheit in einigen Kilometern Entfernung zu sehen sind.
In den Nachrichten kommt an diesem strahlenden Morgen eine Meldung, die wie eine bittere Bestätigung meines fortwährenden Lamentierens und Redens über die wahren Risiken in der Wildnis klingt: Während es in den letzten 100 Jahren nur zwei-drei tragische Unfälle mit "wilden" Tieren gab, hat es mal wieder einen tödlichen Jagdunfall gegeben, ein Beerenpflücker wurde von einem 80jährigen (!!!) Elchjäger versehentlich erschossen. Und dieser Unfall ist keine Ausnahme.
Diese Tölpel, diese Sonntagsjäger! Kriegen das ganze Jahr den Arsch nicht vom Sofa, versuchen die Öffentlichkeit dumm zu schwatzen mit idiotischem Gerede über blutrünstige Wölfe und Bären...und zur Jagdzeit fallen sie in die Wälder ein und ballern auf alles, was nicht unbedingt wie ein Scheunentor aussieht. Und überhaupt: Was zur HÖLLE hat ein 80jähriger mit einer Mumpelspritze im Wald verloren? Alle Bären Schwedens zusammengenommen sind nicht ansatzweise so gefährlich wie dieser bewaffnete Greis. Nun ja. Sela.
Ich packe, breche in der 12. Stunde auf, wandere weiter in die Wildnis hinein, lasse den See hinter mir, steige höher, der Pfad schlängelt sich durch urwaldartige Nadelwälder, oberhalb dieser Wälder geht's dann durch die Birkenwaldzone, wo ich auch die Nationalparkgrenze passiere. Merke, dass ich Probleme mit dem linken Knie habe, Überlastung, irgendein Band. Die 30 kg und das stundenlange Balancieren über Steine zeigen ihre Folgen. Ganz große Scheiße. Versuche, es zu ignorieren, schwanke zwischen Umkehren und Fortsetzen. Im Schwanken und Überlegen gehe ich vorwärts, komme hinaus auf die Pårek-Hochebene, die Landschaft ist grandios schön, vor mir liegen die weißen Berge des Sarek, links das Tarrekaisemassiv, das ich vor zwei Jahren von der anderen Seite gesehen hatte. Wenn nur diese Kniesache nicht wäre! Aber einfach so umkehren, auf freier Strecke? Nee, irgendwie geht das nicht. Gehe langsam weiter, bloß nicht humpeln - in die Wildnis hineinhumpeln ist unwürdig und idiotisch. Komme gegen 16 Uhr an einer natürlichen Barriere an, die ich gut als "ehrenhaften Wendepunkt" akzeptieren kann: Pårekjaure, ein kleiner See unmittelbar am Fuße des Pårekmassivs. An der Watstelle seines Zuflusses schlage ich mein Zelt auf, es ist kalt hier oben und offen, ein plötzlich aufspringender Wind hätte volle Angriffsfläche. Ich opfere eines meiner beiden Handtücher, um den Zeltboden innen halbwegs trockenzuwischen. Der Himmel ist blau, trotzdem ziehen drüben vorm Tarrekaisemassiv Schneeschleier vorbei, das gefällt mir überhaupt nicht! Sie scheinen durch die Täler von Westen zu kommen. Kaum ist die Sonne weg, sind's nur noch -5 Grad, alles friert und wird knochenhart. Die Temperatur sinkt weiter, als ich das letzte Mal vor der Nachtruhe auf's Thermometer sehe, sind es schon -7 Grad. Und es wird noch kälter werden. Naja, vielleicht sehe ich heute und hier oben das Polarlicht...
Es ist noch dunkel, als ich in den frühen Morgenstunden des 23. September immer wieder frierend aufwache. Alles im Zelt ist klamm, feucht, steifgefroren. Das Problem tiefer Temperaturen sind nicht die Temperaturen selbst, sondern das Kondenswasser. Mit jedem Atemzug wird Feuchtigkeit im Zelt verteilt, die sich sofort niederschlägt. Je tiefer die Temperatur, desto näher an der Nase. Folge: Der Schlafsack wird nass, richtig nass und pappig...und verliert drastisch an Isolationsvermögen.
Weil ich neugierig bin auf's Polarlicht, entschließe ich mich nach reiflicher Überlegung schließlich doch, den Schlafsack zu lupfen, zum Eingang zu kriechen, den Kopf ins Freie zu halten und gen Himmel zu äugen. Kein Polarlicht, nur der Vollmond und die Sterne...und diese Eiseskälte. Im Hineinkriechen nestle ich mit klammen Fingern das Thermometer vom Zeltgiebel, es zeigt -10 Grad! Ich packe mich wieder ein, so gut es eben geht, finde jedoch keinen Schlaf mehr, es ist einfach zu kalt und ich friere. Da kann ich ja auch aufstehen und im Stehen weiterfrieren und bissel herumlaufen und Kaffee kochen. Gedacht - getan. Nach obligatorischer Wasserstangenwegstellung hole ich trotzdem erst mal die Kamera hervor, die diesmal noch mürrischer anspringt, und mache einige Aufnahmen von diesem Morgen. Dann werfe ich den Kocher an und braue Kaffee, nichts sonst ist zu tun, zum Essen ist es noch zu zeitig und zu kalt, Brot und Käse haben ja auch ihre -10 Grad. Besser, zu warten bis sie etwas wärmer geworden sind, sagen wir mal...-7 Grad...oder sogar -5 Grad.
Nachdem ich mir die Ladung Kaffee eingeholfen habe, ist erstmal nichts weiter zu tun, als irgendwie in Bewegung und "am Leben" zu bleiben. Zum Glück habe ich auch dieses Mal meinen Luftbass dabei, ein herrliches Instrument, mit dem ich heftige Rhythmen und harte Riffs hinlege...dort, am Fuße des Pårekmassivs, in aller Herrgottsfrühe und bei -10 Grad. Kein Zuhörer im Umkreis von 20 km, aber naja, wahre Kunst ist sich selbst genug und bedarf keiner äußeren Würdigung.
Begebe mich dann, nachdem ich genug in die Saiten gegriffen habe, auf einen erhöhten Geländepunkt, um dort den Wetterbericht einzupeilen, ohne Erfolg. Wieder am Lagerplatz esse ich halb im Stehen, halb im Herumlaufen paar Brote...und beobachtete sorgenvoll die Wolken, die von Norden und Westen über die Berge kommen. Ich versuche nochmal, das Wetter im Radio reinzukriegen, gleich an Ort und Stelle. Diesmal habe ich Empfang, sie melden starken Wind und Regen auf dem Kahlfjäll, also just HIER! Scheiße, nichts wie weg, das muss ich echt nicht haben. In aller Hast und Eile packe und stopfe ich, baue das Zelt ab und biege die steifgefrorenen Planen zusammen. Dann schirre ich mir den Rucksack auf, greife den Wanderstab und trete Dreiviertelacht den Rückmarsch an, Ziel: Kvikkjokk, also keine weitere Zeltübernachtung. Zu meiner Freude funktioniert mein linkes Knie, d.h. es wird nicht schlechter, auch fängt es nicht an zu regnen, sondern zieht sich erstmal nur zu. Kämpfe mich Stunde um Stunde vorwärts, keuchend und schwitzend unter den 30 kg, ab und zu eine kurze Rast einlegend. Im Birkenwaldgürtel treffe ich Menschen!!! Sie kommen mir entgegen, gehen bergauf, dem Sarek entgegen. Vorneweg das Weibchen, hinterher das Männchen. Ich mache ihnen den Weg frei, bekomme auf mein "Hej!" aber kaum eine Antwort, nur das Männchen knurrt im Vorbeigehen ein steifes "Good Morning." So können sich echt nur Deutsche benehmen, Good Morning und alles, keine 2 Minuten Zeit zu einem Schnack, mit verbissenem Panzerabwehrgesicht durch die Pampa. Sorry für Nestbeschmutzung und so, aber das macht wirklich NIEMAND sonst. In der Wildnis fragt man sich zu dieser Jahreszeit immer nach dem Woher und Wohin, vor allem fragt der Bergaufgehende den Bergabkommenden nach den Verhältnissen weiter oben. Mache mir bissel Gedanken wegen der Wettermeldungen, aber naja, ich drängele mich nicht auf.
Als ich den See passiere, an dem ich zwei Nächte gelagert hatte, treffe ich noch zwei Wanderer, die mir entgegenkommen, sehen aus wie Vater und Sohn, beide auch mit einer Riesenpackung auf dem Rücken, aber ohne eine Schweißperle im Gesicht. Wir machen einen kurzen Schnack, sie sind auf dem Weg zu einer ausgewachsenen Sarektour, beides keine heurigen Hasen. Sie fragen mich nach der Pårtejaure-Watstelle und der Schneegrenze, ich erwähne die Wettermeldung, wir palavern noch etwas über Schlafsäcke und Kondenswasser etc., dann ziehen sie mit meinen guten Wünschen weiter bergauf.
Am Nachmittag komme ich in Kvikkjokk an, bin wieder in der Zivilisation. Weil der einzige Bus von Kvikkjokk um 5.30 Uhr geht, nehme ich noch einmal eine Hütte.
Gegen 4 Uhr, am 24. September, klingelt mich der von der Wirtin geborgte Wecker hoch, ich hänge mir die am wenigsten verdreckten Klamotten auf den Leib und gehe zum Bushalteplatz. Außer mir fahren nur noch 2 Dänen mit, die auf einer längeren Sarektour waren. Wir schwatzen auf der 130 km-Reise nach Jokkmokk, sie waren u.a. im Haupttal des Sarek, im Rapadalen und haben dort Elche auf 15 m Abstand gesehen, eine Bärin mit 3 Jungen auf 600 m Abstand.
In Jokkmokk habe ich etwas Aufenthalt, besteige dann am Nachmittag den Bus nach Murjek. In Murjek ist total der Hund begraben, kein offener Laden weit und breit. Also werfe ich in gehörigem Abstand zum hölzernen Stationsgebäude meinen fauchenden Benzinkocher auf dem Bahnsteig an und und koche Nudeln. Setze mich auf eine Bank und esse. Es ist ruhig hier, nichts passiert. Ab und zu dröhnt ein schwerer Erzzug vorbei. Irgendwo sägt jemand Holz mit einer Kettensäge. In der Ferne arbeitet ein Radlader.
Im Stationsgebäude sind die Postfächer für alle Einwohner der Gegend untergebracht, gegen 15 Uhr werden die Fächer befüllt und ein kleiner Kiosk geöffnet. Früher oder später kommen also ALLE zur Station, um ihre Post zu holen, was mir interessante Milieustudien ermöglicht. Die Kleiderordnung entspricht durchweg jener, die ich im Zusammenhang mit Jokkmokk beschrieben habe. Schuhe? Windjacke? Völlige Fehlanzeige. 99% der Männer und Frauen sind gestiefelt und mit Waldhosen / -jacken ausgestattet.
Der Kioskbetreiber hängt die Schlagzeilen der beiden Skandalblätter aus. Während von dem einen Plakat irgendein TV-Sternchen mit Augenlidern auf Halbmast für eine Schlankheitskur wirbt, brüllt das andere Plakat in riesigen schwarzen Buchstaben: VIAGRA FÜR FRAUEN / 1,3 MILLIONEN SCHWEDINNEN KÖNNEN JETZT ORGASMUS BEKOMMEN
Fantastisch. Eine bessere Ausgangslage für Milieustudien kann man sich nicht erträumen. Diese Schlagzeile, dieser Auswuchs einer überreizt-grellbunt-schrillen Großstadtpresse, wirkt hier an diesem verträumten Platz in den tiefen Wäldern so fehlplatziert wie Gummistiefel und Jagdhose in der Staatsoper.
Alle Postholer müssen dieses Plakat zur Kenntnis nehmen, es hängt direkt am Eingang der Station.
Ein alter Mann in abgeschabten Waldkleidern steigt aus seinem rostigen Volvo, schlurft zum Eingang. Liest im Vorbeigehen. Bleibt stehen. Liest gebannt. Reißt sich los, tut so als habe er nur die Schrauben in der Wand gezählt, schlurft weiter zu seinem Postfach.
Frauen unterschiedlichen Alters passieren das Plakat, einige bleiben beim Lesen stehen, gehen dann betont uninteressiert weiter, andere werfen nur einen flüchtigen Blick darauf.
Ein kleiner Klatschkreis bildet sich, drei Frauen mittleren Alters stehen vorm Eingang, im Vorbeischlendern höre ich, dass es auch um das Plakat geht. Eine meint, dass man ja wohl andere Sorgen habe, hahaha. Keine widerspricht ihr, die beiden anderen stimmen nickend zu, hahaha. Sie schicken meinende Blicke in meine Richtung. Ich studiere das Wetter.
Es wird eine lange Fahrt im Nachtzug, die Stunden kriechen dahin. Der Bus, der mich von Bollnäs ins 30 km östlich gelegene Söderhamn bringt, fährt genau in den Sonnenaufgang hinein.
Seitenselbstportrait am Unna Dahta, dem See, an dem ich lagerte.
Beim Abendessenbereiten die Kamera ins Gemüse (d.h. auf den Boden) gestellt und per Selbstauslöser eine Aufnahme gemacht.
© Georg Müller 2005