Dem im Greifswalder Gewerbegebiet ansässigen Sportpark Garbe (Name hier geändert) gefiel es, aus Anlass des Tages der offenen Tür am Sonntag, dem 20. Februar 2005 zwei Jahresmitgliedschaften im Wert von jeweils 350 Euro auszuloben - und zwar dem 1. und dem 100. Besucher.Da ich zu jenem Zeitpunkt begonnen hatte, mich in just jenem Sportpark mehrmals wöchentlich sportlich zu betätigen und dies als in jeder Hinsicht sehr wohltuend erlebte, war ich auf diese Jahresmitgliedschaft versessen. Bei meinem Stundenlohn von 7 Euro müsste ich 50 Stunden arbeiten, bis ich dies Sümmchen beisammen hätte.
Also dachte ich bei mir, dass es doch irgendwie klappen müsste, der 1. Besucher zu sein.
Und so nahmen die Dinge ihren Lauf.
3.45 Uhr
In leicht unnüchternem Zustande verlasse ich die am Samstagabend aufgesuchte Abschiedsparty einer alten Freundin und steuere meine Wohnung an.
4 Uhr
Daheim schäle ich mich aus meiner Partymontur, esse, trinke Kaffee und ziehe dann alles an, was ich an wollener und fleecener Klamottage so finden kann: zwei Hosen, zwei U-Hemden, ein T-Shirt, drei dicke Pullover. In eine Reisetasche packe ich meinen extrawarmen Schlafsack, eine Rolle Müllsäcke und weitere Utensilien zur Bedeckung externer Körperteile. Nach kurzem Überlegen verwerfe ich den Plan, meine Feldküche mitzuführen. Nicht übertreiben!!
Zuletzt greife ich meine Isomatte und schwinge mich aufs Rad.
4.30 Uhr
Vorm Haupteingang des Sportparkgebäudes gehe ich in Stellung, entrolle Müllsäcke, Isomatte und Schlafsack, schiebe die Reisetasche unters Kopfteil. Fertig ist ein zweckmäßiges Nachtlager.
Fünf Meter nebem meinem soeben errichteten Nachtlager ist der Haupteingang einer Diskothek. Das ist unangenehm. Die Diskothek ist im selben Gebäudekomplex wie der Sportpark untergebracht und noch in vollem Gange. Vor dem Eingang, vor meinem Nachtlager herrscht reger Betrieb. Vorsichtig geschätzt sind 80% der Diskobesucher nach 1984 geboren. Besoffen und völlig aufgedreht.
Neben meinem Nachtlager lehne ich mich an die Tür und besehe mir das Treiben.
Die meisten nehmen gar nicht Notiz von mir. Sie sind einfach zu sehr mit sich beschäftigt: cool aussehen, posen, balzen. Hier draußen in der Winternacht frieren sie wie die Schneider, aber das dürfen sie sich nicht anmerken lassen, das wäre völlig uncool.
Einige bemerken mich doch. Völlig perplex stieren sie einige Sekunden in meine Richtung und versuchen, das Gesehene in ihren alkoholisierten Hirnen einzuordnen. Offensichtlich ist das schwierig und die meisten der Hergucker wenden den Blick ab mit einem Gesichtsausdruck, nach dem sie meine Erscheinung als Produkt ihrer Überdrehtheit abtun. Denn warum zum Henker sollte in einer Februarnacht ein Typ seinen Schlafsack direkt neben einer Diskothek ausrollen? Das MUSS doch eine Drogenfantasie sein.
Ich stehe völlig unbeweglich da, breitbeinig, dick eingepackt, Mütze tief in der Stirn, die Linke hält die Rechte, Kinn vor, Optik auf unendlich gestellt.
Im Grunde sind alle, die mich bemerken, neugierig. Aber nur einige der betrunkensten Burschis kommen näher und sprechen mich an.
"Alder, ey was machst du den hier, Alder?"
Ich sage es ihnen. Betont uninteressiert werfe ich einen Blick auf meine Uhr und teile ihnen mit, exakt wieviel Stunden und Minuten noch zwischen mir und dem 350-Euro-Gutschein liegen.
"Krass, Alder!"
"Ey du bist ja völlig verrückt, Alder!! Völlig verrückt!"
"Ey das schaffst du nie, Alder!"
"Ey is das dein Schlafsack, Alder? Ey pennst du hier, Alder?!"
"Alder, du bist ja krass ey!"
Ein durchaus übersichtlicher Wortschatz, der ihnen zur Verfügung steht. Sie versuchen auszudrücken, dass eine sechsstündige Nachtwache weit über das hinausgeht, was sie ihrer eigenen Coolness jemals zumuten würden. Andererseits müssen sie sich im Stillen eingestehen, dass es unvergleichlich viel cooler ist, die Jahresmitgliedschaft 6 Stunden zu erwarten statt 50 Stunden zu erarbeiten.
6 Uhr
Die Diskothek schließt. Die letzten Besucher schleppen sich schwer betrunken zu ihren Kraftfahrzeugen und rasen davon. Einige nehmen Taxis.
Zwei Burschis warten noch etwas länger auf ihr Taxi, wir reden. Sie können das, was ich tue, einfach nicht verstehn. Nicht mal irgendwo einordnen. Einerseits haben sie gelernt, dass jemand, der auf der Straße schläft, ein Assi ist, ein Penner, ein Trunkenbold, irgend sowas, aber auf jeden Fall ein Verlierer. Aber wie ich da vor ihnen stehe, stocknüchtern, mit einer geradezu buchhalterisch klar definierten Zielvorstellung und einem lockeren Spruch ("Ich habe nicht die geringste Ahnung, wer der 100. Besucher sein wird. Aber wer der 1. ist, weiß ich genau!!"), passe ich nicht hinein in ihr Bild. Unschlüssig stehen sie da, schauen runter zum Schlafsack und hoch zu mir. Stellen sonderbar hilflose Fragen:
"Hast du kein Zuhause?" -- Ich, strahlend: "Doch, klar!"
"Und was sagt deine Freundin dazu?" -- Ich, knurrend: "Hab im Moment keine Freundin." Denke still: ' Selbst wenn ich eine hätte, würde sie's doch mal 6 Stunden ohne mich aushalten. Was für eine selten dämliche Frage war das denn! '
6.30 Uhr
Die letzten beiden sind weg. Ich bin endlich allein. Der Himmel wird schon wieder heller. Ich entere meinen Schlafsack. Doch bissel frisch. Warme Gedanken machen! Bissel rumzappeln, das hilft. Schön still jetzt, ich dämmere ab und zu weg.
7 Uhr
Die bewaffneten Organe erscheinen.
Jemand hat mir eine Funkstreife auf den Hals geschickt.
Okay, nicht jeder, der in einer Februarnacht bewegungslos in einem Gewerbegebiet herumliegt, wird das Morgenrot noch erleben.
Mit knirschenden Reifen halten sie direkt an meinem Nachtlager, der beifahrende Polizeibeamte steigt aus dem Einsatzfahrzeug. Ich drehe den Kopf zu ihm. Also lebe ich noch, welches festzustellen schon mal ein Hauptgrund ihrer Mission war. Jetzt müssen sie nur noch eruieren, was dieser noch Lebende da tut.
Der Grüne steht, ich liege zu seinen Füßen, er rödelt: "Wird das hier 'ne Demo oder so?"
Insofern man herablassend antworten kann, wenn man in einen Schlafsack eingeschnürt zu Füßen eines bewaffneten Organes liegt, antworte ich äußerst herablassend, er möge doch bitte mal zur Tür schreiten und das dort befestigte große Plakat lesen, aus welchem der Zweck meiner Türblockade klar hervorgeht.
Er tut es.
Er geht zurück zum Einsatzfahrzeug. Macht lockere Sprüche, um die für ihn peinliche Situation zu überspielen. Duzt mich: "Verschlaf nicht!" Aufsitzen. Der Fahrer findet den Rückwärtsgang. Dann sind sie weg.
7.30 Uhr
Das Diskopersonal verlässt das Objekt. Die meisten machen einen großen Bogen und beäugen mich scheel von fern, als wäre ich Schlitzer McGurk, der meistgesuchte Massenmörder seit Dieter Zurwehme.
Ein widerlich gutgelaunter Ich-hab-'n-Clown-gefrühstückt-Typ, so'ne richtige Quasselstrippe, kommt ran zu mir und lässt durchblicken, dass einer von ihnen die Grünen gerufen hat. Haftungsfrage. Schließlich könnte ich zu Schaden kommen und dann wären sie dran, weil ich das auf ihrem Grundstück getan habe und unter ihren Augen. Aber jetzt, so werde ich fröhlich aufgeklärt, war ja die Polizei da, der Sportpark ist aus dem Schneider und ich kann mich nach Lust und Laune weiter gefährden. Von nun an ist die Polizei dran, falls mir was passiert.
Was auch immer in der überreizten Paranoia dieser armen Menschen mit mir geschehen könnte...
8 Uhr
Die ersten Mitbewerber erscheinen. Als sie sehen, dass der erste Platz weg ist, fahren sie wieder. Tja Jungs, da müsst ihr verdammt noch mal früher aufstehen!
Manchmal gewinnst du. Manchmal verlieren die anderen.
So ist das.
Es schneit leicht. Ich liege auf dem Rücken und lasse mir die Flocken aufs Gesicht taumeln. Das ist schön.
Wäre hier unter und neben mir kein Beton, sondern Wildnis, wäre es geradezu unerträglich schön. (Man wird ja wohl mal träumen dürfen.)
9 Uhr
Die nach und nach eintrudelnden Trainer und Sportparkleute zollen mir Respekt.
Ich erhebe mich. Der Morgenpiss kommt ganz gewiss -- selbst wenn's vorm Sportpark Garbe iss. Während ich kurz die Tür verlasse um mein Wasser abzuschlagen, stellt mir eine Trainerin Kaffee ans Lager.
Schöner Morgen. Alles, was zu tun bleibt, ist Kaffee zu schlürfen und dabei zu triumphieren. Gleich wird mir die Jahresmitgliedschaft wie eine reife Frucht vor die Füße fallen.
9.30 Uhr
Die ersten Besucher erscheinen. Als wir schon ein Dutzend sind, kommen zwei Burschis und rütteln an allen Türen, die natürlich noch verschlossen sind. Jemand aus der Menge sagt halblaut, aber für sie gut hörbar: "Wir stehen hier nämlich nur so zum Spaß." Ich muss breit grinsen. Wird ja immer lustiger hier. Reinste Volksfeststimmung.
10 Uhr
Die Tür wird geöffnet. Ich gehe als Erster rein. Kleiner Bahnhof im Foyer. Sportparkchef da mit diversen Adjutanten. Begrüßung mit Handschlag, Blumenstrutz, Drink und -- Scheck. Übergabefoto mit dem Sportparkchef. Jemand springt herzu und nimmt mir den Blumenstrutz gleich wieder ab.
Das war's.
An der Rezeption löse ich den Scheck sofort ein und bekomme die Jahresmitgliedschaft in Form der GoldCard.
Während um mich herum fröhliche und ausgeschlafene Menschen in den bunten Tag der offenen Tür starten, schwinge ich mich einigermaßen müde und ziemlich glücklich auf meinen Drahtesel und fahre heim.
Pobjeda!!!
Diese Aufnahme wurde bei Tagesanbruch heimlich aus dem Sportparkfoyer heraus geschossen und mir später freundlicherweise zur Verfügung gestellt.
Am Ziel! Der Sportparkchef überreicht mir den Gutschein für eine Jahresmitgliedschaft. Hinter mir stehen Isomatte und Reisetasche mit Schlafsack.
© Georg Müller 2005